Geschäftsbericht 2011
Vorwort
Ernüchternde Rückschau, mit Zuversicht nach vorne blicken
Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,
das Jahr 2011 war für uns Apotheker – moderat formuliert – wahrlich nicht einfach. Die Rückschau fällt daher ernüchternd aus. Neben dem gesundheitspolitischen Hin und Her um die Apothekenbetriebsordnung, dem aktuell (immer noch) nicht umgesetzten Pickup-Verbot, den nicht enden wollenden bürokratischen Zusatzbelastungen durch Rabattverträge und Packungsgrößen und dem massiven wirtschaftlichen Schaden durch das AMNOG, sind wir Apotheker im Herbst 2011 von einer nie dagewesenen Retaxwelle von insbesondere drei Betriebskrankenkassen erfasst worden. Über 1.500 betroffene Mitgliedsapotheken allein in Nordrhein-Westfalen mit über 15.000 Retaxationen und einer Gesamtretaxsumme von fast 1,5 Mio. € sprechen für sich. Einzelne Apotheken sind mit 10, 20 ja bis zu 30.000 € massiv und existenzgefährdend belastet worden. Die systematisch vorgenommenen, flächendeckenden Retaxationen bei Betäubungsmittelrezepten haben vor allem viele Apotheken in Nordrhein wirtschaftlich ins Mark getroffen. Die Tatsache, dass die Versicherten gemäß der Verordnung ihres Arztes korrekt versorgt worden sind und niemandem, weder dem Versicherten noch der Krankenkasse, ein Schaden entstanden ist, wurde dabei von den Betriebskrankenkassen systematisch ignoriert.
Breite Front gegen Retaxwelle
Innerhalb weniger Monate hatten sich zur BtM-Retaxwelle einzelner Betriebskrankenkassen Aufsichtsbehörden, externe Sachverständige sowie Mediziner und Juristen zu dem Vorgehen dieser Krankenkassen äußerst kritisch geäußert. In die lange Liste der Kritiker hatten sich das Landesgesundheitsministerium, namhafte Vertreter aus der Bundesgesundheitspolitik sowie zuletzt auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (MdB), eingereiht. Nicht zuletzt merkte der eigene Spitzenverband der Krankenkassen kritisch an, dass die Beanstandungen offenbar „mit wenig Augenmaß“ veranlasst worden seien.
Neben den unverhältnismäßigen und zum Teil auch existenzbedrohenden wirtschaftlichen Konsequenzen für die Mitgliedsapotheken konnte man frühzeitig auch die negativen Auswirkungen auf die Arzneimittelversorgung beobachten. Ärzte waren oftmals unsicher, wie sie Betäubungsmittel verschreiben müssen; Apotheken wussten vielfach nicht, wann sie ein BtM-Rezept beliefern dürfen, ohne auf den Kosten des Wareneinsatzes sitzenzubleiben. Leidtragende waren immer öfter auch die Patienten. Denn lag kein Notfall vor, mussten sie warten, bis alle Unklarheiten beseitigt waren.
Aufgrund der negativen Auswirkungen insbesondere für die Patientenversorgung hat das ZDF-Nachrichtenmagazin „FRONTAL21“ am 21.02.2012 das Vorgehen dieser Kassen in einem TV-Beitrag zum Thema „Schmerzen auf Rezept – Betriebskrankenkassen behindern Medikamentenversorgung“ kritisch dokumentiert. In dem TV-Beitrag und in einem ausführlichen Interview auf der Internetseite von FRONTAL21 hat auch der Apothekerverband Nordrhein e.V. stellvertretend für die Apothekerschaft Stellung bezogen.
Einvernehmliche Vertragslösung angestrebt
Bis zu einer einvernehmlichen vertraglichen Lösung haben die Apothekerverbände Nordrhein und Westfalen-Lippe unmittelbar nach Eintreten der Retaxwelle gemeinsam den sofortigen Stopp gefordert und die Rücknahme von bereits ausgesprochenen Beanstandungen verlangt. Nicht zuletzt um die zunehmende Verunsicherung bei den Patienten und bei den Leistungserbringern Arzt und Apotheker zu beenden und eine reibungslose Versorgung wieder sicherzustellen. Inzwischen konnten die entsprechenden Betriebskrankenkassen mit Erfolg aufgefordert werden, am Verhandlungstisch gemeinsam eine einvernehmliche Vertragslösung anzustreben.
Apotheker fordern leistungsgerechte Vergütung
Neben den massiven Belastungen aus der ersten Stufe des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) in 2011 haben zu Beginn des Jahres noch die wesentlich heftiger wirkenden Belastungen der 2. Stufe des AMNOG eingesetzt. Denn die Umstellung der Großhandelsmarge zum Jahresbeginn 2012 auf eine fixe Marge wurde vom Großhandel wiederum zum Anlass genommen, dem Apotheker – der von der Belieferung durch den Großhandel abhängig ist – ein ordentliches Stück seines Ertrages wegzunehmen. Aus dem Kollegenkreis wurden Margenkürzungen von über fünfzig Prozent und zusätzliche neue Gebühren gemeldet. Wer sich – wie der pharmazeutische Großhandel – als Marktpartner der Apotheken positioniert und auch einem gesetzlichen Versorgungsauftrag seit der 15. AMG-Novelle nachkommen muss, sollte diesem Anspruch auch Rechnung tragen. Das heißt: Gesetzlich festgelegte Margen beim Großhandel haben auch Verpflichtungen zur Folge und dazu gehört eine umfassende Lieferpflicht ohne wenn und aber und ganz bestimmt auch ohne weitere Gebühren.
Die Verhandlungs- und Marktposition der öffentlichen Apotheke wurde infolge gesetzgeberischer Eingriffe, wie z.B. der Abschaffung der Rabatte im Rx-Bereich, sukzessive geschwächt. Dies führt dazu, dass die Apotheke vor Ort heute nahezu schutzlos einer oligopolistisch strukturierten Großhandelslandschaft bzw. global agierenden Pharmaherstellern ausgeliefert ist. Die Folge ist ein gefährliches Vabancespiel in Bezug auf die Versorgungssicherheit der Bevölkerung und die wirtschaftliche Stabilität der heilberuflich aufgestellten, mittelständischen Apotheke. Daher weisen wir an dieser Stelle bereits mit Nachdruck darauf hin: Nur eine auskömmliche und leistungsgerechte Honorierung der freiberuflichen und gemeinwohlorientierten Tätigkeit des Apothekers verbunden mit einer ausreichenden Verhandlungsmöglichkeit gegenüber pharmazeutischen Großhandel und Herstellern garantiert auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige und unabhängige Arzneimittelversorgung.
Der Anspruch auf eine leistungsgerechte Vergütung ist dabei mehr als berechtigt. Ganz besonders wenn man berücksichtigt, dass die Apotheke heute zu den Kosten von 2012 aber mit den Erträgen bzw. der Honorierung von vor acht Jahren betrieben wird. Zudem summiert sich der durch das AMNOG erhöhte Zwangsabschlag auf 1,228 Milliarden €, das heißt: Die Apotheker haben die im AMNOG ursprünglich vereinbarten Sparziele übererfüllt und müssen gleichzeitig mehr Leistung bringen. Das ist nicht akzeptabel. Ein starker Patientenpartner wie die öffentliche Apotheke vor Ort hat einen Anspruch auf eine leistungsgerechte Vergütung (siehe dazu „Bericht der Geschäftsstelle“ zum Thema „Die öffentlichen Apotheken: Starker Patientenpartner mit leistungsgerechtem Vergütungsanspruch“, S.26).
Bevölkerungsstudie untermauert unverzichtbare Bedeutung der Apotheke vor Ort
Dass die öffentlichen Apotheken nicht nur eine wichtige, sondern eine unverzichtbare Bedeutung für die Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung der Menschen vor Ort haben, zeigt auch die aktuelle Bevölkerungsstudie des Institutes für Handelsforschung zum Thema „Apotheke der Zukunft – Meinungen, Anforderungen und Wünsche der Bevölkerung“, die auf Initiative der Apothekerverbände und -kammern in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. Demnach stellt die wohnortnahe Arzneimittelversorgung durch die öffentlichen Apotheken ein hohes Gut dar. Die Menschen wünschen sich in Zukunft sogar noch mehr Beratung und pharmazeutische Dienstleistungen. Die Studie belegt auch: Apotheker werden als kompetente Arzneimittelfachleute und Lotsen im Dschungel des Gesundheitssystems wahrgenommen. Zentrale Studien-Ergebnisse werden im vorliegenden Geschäftsbericht zusammengefasst (siehe dazu „Bericht der Geschäftsstelle“ zum Thema „Die öffentlichen Apotheken: Starker Patientenpartner mit leistungsgerechtem Vergütungsanspruch“, S.26).
Patientenindividuelle Arzneimittelversorgung aktiv mitgestalten und weiterentwickeln
In Anbetracht der zentralen Position der öffentlichen Apotheken bei der Gesundheits- und Arzneimittelversorgung der Menschen und im Gesundheitswesen haben wir Apothekerinnen und Apotheker den Anspruch, die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln durch die inhabergeführte, unabhängige Apotheke zukunftsorientiert, qualitativ hochwertig und patientenindividuell mitzugestalten und weiterzuentwickeln. Das ABDA/KBV-Modell, mit dem in heilberuflicher Kooperation mit der Ärzteschaft sowohl die individuelle Patientenversorgung verbessert als auch gleichzeitig dem GKV-System eine Milliardensumme eingespart werden kann, ist dafür beispielgebend. Davon ist auch die Politik überzeugt. Im Versorgungsstrukturgesetz wurde zu Beginn des Jahres der Weg frei gemacht für die Erprobung des Modells. Wir gehen fest davon aus, dass dieses Versorgungsmodell seinen Praxistest bestehen wird und dann beste Chancen hat, in der Regelversorgung Berücksichtigung zu finden.
Eigenen Initiativen und Positionen nachhaltig Öffentlichkeit und Gehör verschaffen
Um unseren Initiativen und Positionen gegenüber Politik, Medien und Öffentlichkeit konsequent Gehör zu verschaffen, ist es über den kontinuierlichen Dialog hinaus wichtig, öffentlichkeitswirksame Anlässe zu schaffen. Beispielhaft dafür steht der „Zukunftskongress öffentliche Apotheke“, der sich nach den ersten erfolgreichen Veranstaltungen in 2009, 2010, 2011 als gesundheitspolitische Dialogplattform etabliert und am 04.02.2012 in Bonn bereits zum vierten Mal stattgefunden hat. Auch in diesem Jahr konnte der „Zukunftskongress öffentliche Apotheke“ mit rund 400 Teilnehmern eine erneut positive Resonanz erzielen. Mit Unterstützung hochkarätiger Referenten wurde die aktuelle gesundheitspolitische Lage kritisch hinterfragt, Marktentwicklungen analysiert sowie Zukunftschancen der öffentlichen Apotheke aufgezeigt. Das attraktive Kongressprogramm wurde durch eine begleitende Partnerausstellung, bei der über 25 Unternehmen aus dem Apotheken- und Pharmamarkt vor Ort exklusive Informationsangebote präsentierten, ergänzt.
Ein besonderes Highlight im Programmablauf stellte die Verleihung des „Zukunftspreises öffentliche Apotheke“ dar. Im Rahmen der Preisverleihung lobte Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter, die Projekte der drei Preisträger als beispielgebende Initiativen mit Modellcharakter. Die Ministerin hatte die Schirmherrschaft für die Ausschreibung „Zukunftspreis öffentliche Apotheke“ des Apothekerverbandes Nordrhein e.V. übernommen. Nähere Informationen zu den Preisträgern und ihren Initiativen stehen in Form von kurzen Filmbeiträgen zur Verfügung. Informationen und Filmbeiträge sind im Internet abrufbar unter: www.av-nr.de/zukunftspreis.
Mit Zuversicht in 2012 gestartet
Hinsichtlich der Retaxwelle einzelner Betriebskrankenkassen und dem dringenden Handlungsbedarf bei der Apothekenhonorierung waren zu Beginn des Jahres bereits erste positive Signale zu verzeichnen. Im Rahmen der gesundheitspolitischen Podiumsdiskussion auf dem „4. Zukunftskongress öffentliche Apotheke“ am 04.02.2012 in Bonn drückten die gesundheitspolitischen Vertreter der Bundesregierung, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Ulrike Flach, und der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, nochmals ihr Unverständnis hinsichtlich des maßlos überzogenen Vorgehens der Betriebskrankenkassen bei Nullretaxationen aus. Falls diese Kassen ihre Retaxwelle fortsetzen würden, wurde entschlossenes Handeln auf gesetzgeberischer Ebene angekündigt. Weiterhin signalisierte insbesondere Jens Spahn Dialogbereitschaft bei der „Apothekenhonorierung“. Er bekräftigte in diesem Zusammenhang nochmals den Vorschlag, dass der Apothekenabschlag in 2013 auf Ebene der Selbstverwaltung auf der Basis von 1,75 € neu verhandelt werden könnte. Dabei machte er auch deutlich, dass den Apotheken im Rahmen der Sparmaßnahmen durch das AMNOG in den Jahren 2011 und 2012 enorm viel abverlangt werde, aber diese Sparmaßnahmen auf diesen Zeitraum begrenzt seien.
Organisationsgrad des Apothekerverbandes Nordrhein steigert sich auf über 92 Prozent
Mit Blick auf die vielfältigen Herausforderungen verfolgt der Apothekerverband Nordrhein weiter das Ziel, mit vereinten Kräften aktiv für die Interessen des Berufsstandes einzutreten. Nur die Geschlossenheit unseres Berufstandes schafft die Voraussetzungen, um sich konsequent gegen die vielfältigen Wirkmächte im Gesundheitswesen zur Wehr zu setzen. Deshalb brauchen wir die Unterstützung jedes einzelnen Apothekers, jeder einzelnen Apotheke, um uns für das bewährte System der Arzneimittelversorgung durch öffentliche Apotheken und den Erhalt des freien und unabhängigen Heilberufes aktiv einzusetzen.
Auch wenn wir als übergeordnete Interessenvertretung des Berufsstandes gegenüber Politik und Krankenkassen in der Vergangenheit längst nicht alle Ziele erreichen konnten, so ist bis heute – wenn auch unter erschwerten Rahmenbedingungen – das Entscheidende erhalten geblieben: Das Berufsbild des Apothekers als freier, wirtschaftlich unabhängiger Heilberuf. Dafür werden wir uns weiter engagiert einsetzen. Die Zukunft kann aber nur gemeistert werden, wenn auch die Politik endlich wieder ihren Beitrag für eine erträgliche Einkommenssituation von Apothekerinnen und Apothekern leistet. Mit einem hohen, aktuell von 91,7 % auf 92,5 % gesteigerten Organisationsgrad, repräsentieren wir die maßgebliche Interessenvertretung der öffentlichen Apotheken in Nordrhein. Den sehr hohen Mitgliederbestand nehme ich an dieser Stelle zum Anlass, um den Verbandsgliedern für ihr Vertrauen zu danken. Gleichzeitig werten wir dieses Vertrauen als Verpflichtung und Ansporn, weiterhin im Interesse der Kollegenschaft zu agieren, und zwar konsequent, nachhaltig und ergebnisorientiert.
Mit diesem Geschäftsbericht stellen wir die Aktivitäten des Verbandes im Berichtsjahr 2011 übersichtlich und transparent dar. Dabei dient der Bericht nicht nur zur Dokumentation der Arbeit des Apothekerverbandes Nordrhein e.V.. Er gibt auch einen Überblick über die vielfältigen Herausforderungen, denen sich der Verband mit seinen Mitgliedern im Berichtsjahr gestellt sah und aktuell sieht. Die Vorlage dieses Geschäftsberichtes gibt aber auch die Gelegenheit, all denjenigen zu danken, die die Arbeit des Apothekerverbandes Nordrhein e.V. unterstützen und mit dazu beitragen, dass die öffentlichen Apotheken in Nordrhein ihren gesetzlichen Auftrag einer ordnungsgemäßen Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln nach wie vor sachgerecht und patientenorientiert erfüllen können.
Thomas Preis
Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein e.V.
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